„…na dann fahren wir halt einfach nach Italien!“ – Neue Abenteuer für die Bühne…

Nick Cave singt in seinem Song ‚To be by your side‘: ‚For tonight I will be by your side, but tomorrow I will fly‘. Noch nie hat ein Liedtext, den ich nicht selbst geschrieben, aber gemeinsam gesungen habe, so gut zu meinem Leben gepasst, wie dieser. Doch von vorn.

Durch meinen inzwischen guten Freund Stefan, den ich vergangenes Jahr über das Fliegen kennengelernt habe, lernte ich auch seine Schwester Annekäthi und deren Lebensgefährten Martin kennen. Beide Musiker, beide inzwischen auch Freunde. Martin hatte ich, nach einem spontanen Besuch in der Schweiz und gemeinsamen Musizierens Anfang des Jahres, ebenso spontan eingeladen, gemeinsam mit mir zum 70. Geburtstag meiner Mutter zu spielen. Er kam 647km (eine Strecke!) gefahren, um mit mir fünf Lieder zu singen und sich am nächsten Tag direkt wieder auf den Heimweg zu machen. Total schön und völlig verrückt, dachte ich. Somit war die Idee geboren ein solch kleines Konzert im Kreise seiner Freunde in der Schweiz auch zu spielen und so planten wir genau das in einem kleinen Café in Basel zu wiederholen. Meinen Gleitschirm, eine fette Erkältung und meine Mutter im Gepäck, machte ich mich also auf den Weg. Was folgte waren drei traumhaft schöne Tage mit intensiven Proben (wenigstens für die anderen, denn meine Stimme verließ mich zunächst), tiefen Gesprächen, unglaublichem Essen und noch mehr Lachen. Freitag Abend war es dann soweit.  Ein uriger Raum, zwanzig enge Freunde und Familie seitens unserer Gastgeber, Stefan und Family, wir, und pünktlich zu Konzertbeginn kam tatsächlich ganz spontan auch meine Stimme noch dazu. Martin an der Gitarre und für die Zweistimmigkeit im Gesang sorgend, Annekäthi an der Bratsche, meine Mutter kurzerhand an der Geige und ich am Klavier, gestalteten wir einen runden Abend mit einer Mischung aus Eigenkompositionen und den Liedern großer Kollegen, bei denen Emil, Martins Sohn uns ungeplant am Klavier begleitete. Tief berührt davon, wie und wo manch Kreise sich schließen, war das ein ganz besonderer Abend, an den ich noch lange denken werde und der hoffentlich in ähnlicher Form wiederholt werden wird.

Noch in der selben Nacht ging es dann weiter Richtung Glarus, nach Riedern, der Plan war dort drei Tage mit besagtem Freund Stefan zu fliegen. Im vergangene Oktober war ich auch dort gewesen, hatte viele Flüge über die herbstlich gefärbten Wälder genießen können und so hoffte ich auch dies Mal auf gutes Wetter und passenden Wind. Noch auf dem Heimweg zerschlug sich diese Hoffnung. Stefan erzählte von einem Freund, der zur Zeit in Italien sei, da in der Schweiz momentan Föhn herrsche (ein warmer, trockener Fallwind, der häufig in Gebirgen auftritt und Geschwindigkeiten von bis zu 120km/h und mehr erreichen kann – da möchte man, wenn er ins Tal durchbricht, mit dem Gleitschirm nicht mehr in der Luft sein…), womit für uns klar war – alles, nur kein Fliegen in den kommenden drei Tagen. Dachten wir. Denn Stefan wäre nicht Stefan, ohne völlig verrückten Plan B. Wenn’s daheim nicht fliegt – „…na dann fahren wir halt einfach nach Italien! In Bassano fliegt’s immer!“, hörten wir ihn sagen und fanden uns nur eine Stunde später, hundemüde und noch überrascht von unserem Vorhaben und unserer eigenen Spontanität und Verrücktheit, auf der Autobahn nach Bassano del Grappa wieder.

Bassano ist eines der Flugmekka der Gleitschirmszene, eben weil es dort häufig dann noch fliegt, wenn man anderswo schon einpacken muss, oder gar nicht erst auspacken kann. Wieso also nicht mal eben 500km weit in sechs Stunden fahren (eine Strecke!, das scheint so ein Schweizer-Ding zu sein…), nur um irgendwie in die Luft zu kommen!? Nachdem noch am Abend unserer Ankunft schon die ersten Schirme über unsere Köpfe hinweg flogen, ging es am nächsten Morgen auch für uns endlich in die Luft.


Nach einer erneut kurzen Nacht und noch ungefrühstückt, wagten Stefan und ich einen Tandemflug, der uns sogar etwas unerwartete Thermik schenkte. Nach einer Stunde reiner Flugfreude erlösten wir meine am Boden gebliebene Mutter und aßen eine Kleinigkeit im Garden Relais, bei strahlendem Sonnenschein und während immer wieder Piloten auf der Wiese direkt neben der Terrasse landeten. Um die Flycard zu bekommen, die man in Italien braucht, um starten zu dürfen, begaben wir uns auf Rat von Flugfreunden, auf die Suche nach einem Mann mit Cowboyhut, der am Landeplatz zu finden sei. Meinen ursprünglichen Gedanken hier auch solo in die Luft zu kommen begann ich loszulassen, da ich hierfür auf die Betreuung einer Flugschule angewiesen war, um mir die Flüge für meine Ausbildung anrechnen lassen zu können und es nicht danach aussah, hier auf die Schnelle noch eine Flugschule zu finden, die so cool sein würde, mich spontan mitzufunken. Einen Mann mit Hut fanden wir, allerdings nicht den gesuchten, sondern den Leiter der Kölner Flugschule Flatland Paragliding der mich kurzerhand in seine Gruppe aufnahm und eh ich mich versah stand ich, nach der gemeinsamen Auffahrt im Shuttle, startbereit am Kopf des Berges und konnte mein Glück kaum fassen: Beste Bedingungen, leichter Wind von vorn, ein paar impulsive Schritte und zack – schon war ich in der Luft. In den folgenden zwei Tagen konnte ich nicht bloß wundervolle Flugmomente erleben, sondern auch fünf Flüge inklusive Manöver für meine Ausbildung sammeln und bekam für eine Landung sogar Applaus einer Gruppe A-Scheinpiloten, die gerade mit meiner Flugschule, Papillon Paragliding, auf Flugreise in Bassano war und meine Landung genau beobachtet hatte, die seitens der Fluglehrerin kommentiert wurde mit „So macht ihr das bitte später auch!“.

Highlight des Tages war jedoch der Tandemflug meiner Mutter, die tatsächlich so mutig war, trotz Arthrose in den Knien, zu starten. Ich kann gar nicht sagen, wie stolz ich auf sie bin und wie berührt davon, meine große Liebe für das Fliegen auf diese so nahe Art und Weise endlich mit ihr geteilt haben zu können.

Beseelende und überwältigende Tage waren das. Tage voll kurzer Nächte, voll Musik, voll Freiheit, voll Freundschaft, voll Liebe, voll Zufriedenheit und Glück und voll tiefer Dankbarkeit für das Leben, seine irren Wege und meine Menschen darin.
Es scheint, als müssen wir die Abenteuer nicht suchen, sondern bloß los- und uns von ihnen finden lassen…